ParisPhoto – 2011

DSCN1578Zwei Tage in Paris – ausschließlich der Bilder wegen.

Für Paris – und besonders die Messe ParisPhoto – steht sogar ein Langschläfer wie ich schon mal um 4 Uhr früh auf. Dass sich die Anreise wegen Nebel in Paris und Gleisbauarbeiten bei der RER dann deutlich verzögert, weiß man um 4 zum Glück noch nicht. Steht man dann endlich um 14 Uhr vor dem Grand Palais und sieht die enormen Warteschlangen am Eingang ist man über die vorab via Internet gekauften Tickets mehr als froh (Danke Walter!). Also vorbei an der Schlange (Wartezeit über 1,5 Std.) und rein ins Kunstvergnügen. Alleine der Veranstaltungsort beeindruckt mit seiner filigranen Stahl-Glas-Dachkonstruktion. Aber nicht nur „nach oben“ ist die Messe deutlich luftiger als im Vorjahr. Der Wechsel vom Louvre in das Grand Palais hat sich in jedem Fall gelohnt.

Die ausstellenden 135 Galerien und Verleger stellen eine tour de force durch die Fotokunst von den Anfängen bist zur Gegenwart dar. Wo sonst kann man schon den „alten Meistern“ wie Atget, Sander oder Cartier-Bresson so nahe kommen – und davon träumen eines ihrer Werke mit nach Hause zu nehmen (wenn der Geldbeutel nicht gerade ein Loch hätte). Beeindruckend das bei vielen Galerien präsente Thema der diesjährigen Messe: Afrika. Zumindest von meiner Seite bislang sträflich unterschätzt.

Einfach schön: „Acqua“ – die Sonderausstellung des Hauptsponsors Armani.

Ein eigener Bereich war dem Thema Photobuch gewidmet. Hier stand die Neuauflage des Klassikers von Ed van der Elsken „Love on the Left Bank“ (Dt.: Eine Liebe in Saint Germain des Pres“; 1956) durch den Verlag Markus Schaden im Mittelpunkt. Begleitet wurde sie von einer großen Ausstellungswand mit einer Collage aus Bildern und Texten des Buches.

Generell habe ich den Eindruck, dass die riesenformatigen Alu-Dibond-Bilder deutlich abgenommen haben und wieder mehr Wert auf klassische Rahmung und Passepartouts gelegt werden. Und Schwarzweiß ist alles andere als tot. Zwei persönliche Highlights: die „Last Meal“-Serie von Mat Collishaw und das Zusammentreffen mit William Klein bei seiner Signierstunde an der Galerie Le Réverbère. Nachdem ich vor ein paar Wochen seine Bilder vom Rom der 60er Jahre im Maison européenne de la Photograpie (www.mep-fr.org) gesehen habe, hat das zugehörige Buch nun mit persönlicher Widmung natürlich einen Ehrenplatz.

Am nächsten Tag dann noch zur „nofound_photofair“. Diese Messe präsentierte 43 Galerien und fand zum ersten Mal in einer umgewidmeten Großgarage im Stadtviertel Marais statt.

Im Vergleich zur „großen“ ParisPhoto waren hier sowohl inhaltlich als auch von der Präsentation her überwiegend weniger etablierte und dafür frischere Sichtweisen zu sehen. Auch das Publikum war im Schnitt deutlich jünger. Schön, hier auch eine Münchner Galerie zu finden: die Micheko-Galerie zeigte einige Werkgruppen der von ihr vertretenen Künstler (u.a. Tomohide Ikeya; www.micheko.com )

DIE Entdeckung für mich war aber am Stand gegenüber: die Serie „Timequakes“ von Sabine Pigalle bei der Galerie Louise Alexander. Eine ungeheuer beeindruckende Präsentation von Portraits (beeinflusst von der Malerei des 16. Jhdt. und dem Erdbeben in Japan im März dieses Jahres; www.sabinepigalle.com )

Bei einer Reihe anderer Galerien fühlte man sich eher in eine Freak-Show versetzt. Foto-Kunst ist halt ein weites Feld.

Der Rest des Tages bis zum Abflug stand unter dem Zeichen noch einige Galerien in Saint Germain des Pres zu besuchen. Das Viertel ist so etwas wie das gelobte Land des Photo-Galerie-Flaneurs: etwa 40 Galerien auf engstem Raum (www.photo-saintgermaindespres.com). Mein persönliches Ziel: die Galerie Patrice Trigano. Dort wartete die Ausstellung „Lucien Clergue et les poètes“. Danach passte wirklich kein einziges Bild mehr in meinen Kopf. Abflug. Bis nächstes Jahr.

Karl Hubbuch und das Neue Sehen im Stadtmuseum

Bis 4. März 2012 läuft im Münchner Stadtmuseum noch die Ausstellung „Karl Hubbuch und das Neue Sehen“.

Gezeigt werden 170 Fotografien, Grafiken und Gemälde dieses Künstlers (1891-1979), der bisher zwar als Maler und Zeichner der „Neuen Sachlichkeit“ der Zwanziger Jahre bekannt war, aber kaum als Fotograf.

Das Stadtmuseum ist im Besitz des Großteils des fotografischen Nachlasses (ca. 600 Negative und 100 Originalabzüge). Quantitativ als „Lebenswerk“ ist das eher schmal (betreten denkt man daran, wie viele Bilder man allein dieses Jahr schon in Lightroom archiviert hat). Qualitativ sind die gezeigten Bilder aber allemal einen Besuch im Stadtmuseum wert. Insbesondere die Gegenüberstellungen von gezeichneten/gemalten Werken und Fotografien sind hochinteressant. Auch die Studio- und Freilandaufnahmen mit seinen Modellen geben sehr viel Einblick in das Zeitgefühl und Selbstverständnis dieser Epoche. Weniger beeindruckend empfand ich (mit einigen Ausnahmen) die Städteaufnahmen aus Karlsruhe, Trier und Paris. Sie dokumentieren eher, dass andere Fotografen hier einen klareren und konsequenteren Weg gegangen sind. Dies wird besonders offensichtlich durch den unmittelbaren Vergleich, den die in die Ausstellung integrierte „Kabinettsausstellung“ mit Werken anderer Fotografen aus der gleichen Zeit (Sander, Eisenstaedt, Atget, u.a.) aus den Beständen des Stadtmuseums ermöglicht.

Fazit: Auf einige Bilder hätte man getrost verzichten können, dennoch unbedingt sehenswert.

 

Incedibile -Unglaublich

Samstag im Münchner Stadtmuseum – und das auch noch bei freiem Eintritt.

„Incredibile – Unglaublich“ ist die Begleitausstellung zum diesjährigen Fotodoks-Festival (das vom 12.-16. Oktober stattgefunden hat). Der italienisch-deutsche Titel verweist auf das diesjährige Gastland des Festivals Italien.

Im offiziellen Text zur Ausstellung heißt es: Die präsentierten Arbeiten bewegen sich zwischen Sozialreportage, Fotojournalismus und Medienreflexion, zwischen entfernten Krisenregionen und der unmittelbaren Umgebung. Sie beleuchten das Zeitgeschehen, wie auch den alltäglichen Wahnsinn – und ermöglichen so einen Blick auf die Dokumentarfotografie im Spannungsverhältnis von Glaubwürdigkeit und Sensation.

Ich habe den Fehler gemacht, beim Betreten der Ausstellung das Informationsblatt zu übersehen, das unscheinbar neben der Tür auflag (das zeitgleich aber wohl einige andere Besucher ebenfalls übersehen hatten). So fand man an den Wänden praktisch überhaupt keine Info zum jeweiligen Projekt. Grundsätzlich ist es natürlich auch interessant, den Bildern auf diese Weise ohne „Vorinformation“ zu begegnen (ok. einige Bildstrecken kannte ich schon…). Vieles erschließt sich aber halt doch erst nach einer gewissen Zusatzinformation. Im wahrsten Sinne des Wortes incredibile ist das Engagement, das die Bildautoren ihren Themen entgegenbringen. Als Betrachter gewinnt man allerdings auch einen sehr speziellen Eindruck welche Themen als Ausstellungsrelevant angesehen werden: Da dreht es sich doch ganz überwiegend um vom Krieg gezeichnete Menschen und Orte, Verbrechen, Naturkatastrophen und soziale Problemsituationen. Wie gesagt, die fotografische Aufarbeitung der Themen ist häufig beeindruckend (Kai Wiedenhöfers sensible Großportraits von Kriegsopfern, Alberto Dede’s Bildvergleich von L’Aquila in dem er Bilder aus Google-Streetview seinen heutigen Bildern entgegensetzt). Dennoch gibt es neben diesen Themen vielleicht doch auch noch anderes auf dieser Welt, was dokumentierenswert ist. Und so ist auch mein Favorit dieser Ausstellung die Serie von Maurizio Cogliandro, der uns in extrem zurückhaltenden, reduzierten Bildern das Leben in einem Zisterzienserkloster in den italienischen Alpen nahebringt.

Ein ganz eigenes Kapitel ist der zur Ausstellung erschienene Katalog: Der ist nun wirklich „unglaublich“:

Der schmale Textteil (dt./ital.) ist als Extraheft fein säuberlich von den Bildern getrennt.

Im „Bildkatalog“ sind die Werke der Ausstellung dann ohne jede sinnvolle Reihung wild durcheinander und natürlich auch ohne Autorennennung „eingefüllt“. Als Klammer zu Beginn und Ende dient jeweils eine Doppelseite auf der in Blocklettern „Bunga“ steht. Bilder von Krieg und Opfern der Camorra zwischen Bunga-Bunga einzurahmen ist nicht originell sondern einfach nur geschmacklos. Aber die Katalogmacher haben dafür jede Seite vorperforiert, damit man die Bilder leicht aus dieser misslichen Lage befreien kann.  Man kann dann die Bilder heraustrennen und wieder zu ihren ursprünglichen Serien zusammensetzen (sofern man 2 Kataloge gekauft hat…). Manchmal muss man halt zwanghaft originell sein. Incredibile.

Vivian Meier – Amerikahaus

Noch bis 9. Dezember ist im Münchner Amerikahaus die erste Ausstellung mit Bildern von Vivian Maier zu sehen. Gezeigt werden 48 Bilder überwiegend aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Die Entdeckung von 100.000 Negativen der Fotografin bei einer Zwangsversteigerung 2007 war eine der großen Sensationen der dokumentarischen Fotografie der letzten Jahrzehnte (siehe z.B. www.vivianmaier.com ). Sie gilt seither als eine der wichtigsten Street-Fotografinnen der USA.

Die Ausstellung im Amerikahaus beginnt mit einem Selbstportrait in New York vom 18. Oktober 1953 (http://www.vivianmaier.com/portfolios/self-portraits/?show=thumbnails&pid=259). Ein starkes Bild mit einer dramatischen Lichtführung, das eine hochkonzentrierte junge Frau zeigt, die sich im Schatten verbirgt.

Die folgenden Bilder sind eine Tour d’horizon durch die Bilderwelt der Fotografin – überwiegend Aufnahmen aus Chicago und New York, aber auch einzelne Bilder von ihren Reisen.

Den Abschluss bilden einige virtuose Farbaufnahmen aus den siebziger Jahren.

Ich fand es äußerst interessant nun selbst einen unmittelbaren Blick auf eine – wenn auch kleine –  Auswahl der Bilder Vivian Maiers zu werfen. Hatte man doch bei den vielen Medienberichten oftmals stark den Eindruck, dass hier die Sensation der Entdeckungsgeschichte beinahe wichtiger war als die Bilder selbst.

Und – mein persönlicher Eindruck: die Bilder haben wirklich Kraft, manche gehen direkt ins Herz. Auch wenn einen sicherlich nicht alle Bilder gleichermaßen  berühren (meine persönlichen Favoriten: ). Man sieht, hier ist eine Könnerin am Werk (und zwar nicht nur in Schwarz-Weiß), was aber noch viel wichtiger ist, hier fotografiert jemand mit einer Lust am schauen und tiefen Zuneigung zur Welt. Egal ob Reiche oder Arme auf ihren Bildern zu sehen sind: immer sind die Aufnahmen „auf dem Punkt“, aber nie wird jemand lächerlich gemacht oder bloßgestellt. Man verlässt die Ausstellung mit einer guten Grundstimmung – und das ist heute schon viel.

Ach ja – einen Wermutstropfen gibt es doch: man würde so gerne das Buch über Vivian Maier mitnehmen – wenn es denn schon erschienen wäre…

Nachtrag April 2015: Einen schönen Überblick über die Arbeiten von Vivian Maier findet man auch auf Artsy.net